Die Entrückung als Geheimnis
1. Einleitung
Im Neuen Testament bezeichnet der Apostel Paulus die Entrückung als „Geheimnis“ (1. Korinther 15,51). Dieser Begriff ist weder zufällig noch bloß poetisch; er bezeichnet eine präzise theologische Kategorie. Zu verstehen, warum die Entrückung ein Geheimnis ist, klärt sowohl ihre Einzigartigkeit als auch ihren Platz im prophetischen Heilsplan Gottes.
Dieser Beitrag erklärt den neutestamentlichen Begriff Geheimnis (mystērion), zeigt, wie die Entrückung in diese Kategorie gehört, und hebt hervor, was die Entrückung in der biblischen Offenbarung beispiellos macht – insbesondere die Tatsache, dass eine ganze Generation von Gläubigen in die Herrlichkeit eingehen kann, ohne jemals zu sterben.
2. Die neutestamentliche Bedeutung von „Geheimnis“ (mystērion)
2.1 Kein Rätsel, sondern ein offenbartes Geheimnis
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist ein „Geheimnis“ oft etwas Rätselhaftes oder schwer Verständliches. Im Neuen Testament jedoch ist ein Geheimnis ein göttliches Geheimnis, das einst verborgen war, nun aber von Gott offenbart wurde. Es ist eine Wahrheit, die:
- durch menschliche Forschung nicht erkennbar war,
- im Alten Testament nicht offenbart wurde,
- jetzt durch Christus und seine Apostel bekannt gemacht worden ist.
Paulus beschreibt diese Kategorie klar:
„Das Geheimnis, das verborgen war seit ewigen Zeiten und Geschlechtern, nun aber seinen Heiligen offenbar gemacht ist.“
— Kolosser 1,26
Mit anderen Worten: Ein mystērion ist nicht etwas, das für immer dunkel bleibt; es ist ein zuvor nicht enthüllter Aspekt des Planes Gottes, den Er nun in der Zeit des Neuen Testaments aufgedeckt hat.
Beispiele hierfür sind:
- Die Gemeinde – Juden und Heiden in einem Leib in Christus vereint (Epheser 3,3–6).
- „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1,27).
- Die teilweise Verstockung Israels, bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist (Römer 11,25).
Zu dieser Liste fügt Paulus die Entrückung als Geheimnis hinzu.
3. „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“: Die Entrückung in 1. Korinther 15,51
Der zentrale Text ist 1. Korinther 15,51–53:
„Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden,
in einem Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune. Denn die Posaune wird erschallen,
und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden.
Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen, und dieses Sterbliche muss Unsterblichkeit anziehen.“
Paulus bezeichnet ausdrücklich das, was er nun enthüllt, als „Geheimnis“. Was ist der Inhalt dieses Geheimnisses? Mindestens drei Elemente:
- „Wir werden nicht alle entschlafen“ – Nicht alle Gläubigen werden den physischen Tod erleben.
- „Wir werden aber alle verwandelt werden“ – Sowohl verstorbene als auch lebende Gläubige erhalten verherrlichte Leiber.
- „In einem Nu, in einem Augenblick“ – Diese Verwandlung geschieht augenblicklich und gleichzeitig.
Die neue, eigentümliche Wahrheit besteht nicht darin, dass es eine Auferstehung geben wird – das war bereits aus dem Alten Testament bekannt –, sondern darin, dass eine ganze Generation von Gläubigen den Tod vollständig umgehen wird und dennoch verwandelt wird.
4. Die Entrückung wurde im Alten Testament nicht offenbart
4.1 Die Auferstehung war bekannt; die Entrückung nicht
Das Alte Testament bezeugt deutlich die leibliche Auferstehung. Zum Beispiel:
- Daniel 12,2: „Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben…“
- Jesaja 26,19: „Deine Toten werden leben, auch mein Leichnam; sie werden auferstehen. Erwacht und jubelt, die ihr im Staub liegt!“
Diese Texte offenbaren jedoch nicht:
- Ein Hinwegraffen der lebenden Heiligen, um dem Herrn in der Luft zu begegnen.
- Eine gleichzeitige Verwandlung sowohl der verstorbenen als auch der lebenden Gläubigen in verherrlichte, unvergängliche Leiber.
- Die Möglichkeit, dass eine große Schar von Heiligen den Tod überhaupt nicht erleiden wird.
Diese spezifischen Elemente der Entrückung fehlen vollständig in der alttestamentlichen Prophetie. Sie sind neue Offenbarung, die erst nach dem Tod und der Auferstehung Christi gegeben und besonders Paulus anvertraut wurde.
4.2 Neutestamentliche Offenbarung der Entrückung
Drei zentrale neutestamentliche Abschnitte entfalten zusammen dieses Geheimnis:
- Johannes 14,1–3 – Die Verheißung Jesu, die Seinen in das Haus des Vaters zu holen.
- 1. Thessalonicher 4,13–17 – Die detaillierte Beschreibung des Hinweggerafftwerdens (caught up) der verstorbenen und der lebenden Gläubigen.
- 1. Korinther 15,51–53 – Die Betonung des Geheimnisses der Verwandlung ohne Tod.
In Johannes 14,3 sagt Jesus:
„Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen,
damit auch ihr seid, wo ich bin.“
Dies ist die erste klare Ankündigung in der biblischen Offenbarung, dass Christus kommt, um die Seinen zu sich in den Himmel zu holen, nicht um sein Reich auf der Erde aufzurichten. Aber die „Mechanik“, wie dies geschehen würde, blieb bis zur späteren Lehre des Paulus weitgehend undefiniert.
In 1. Thessalonicher 4,16–17 ergänzt Paulus die Struktur:
„Denn der Herr selbst wird, wenn der Befehl ertönt,
und die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallt,
herabkommen vom Himmel, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen;
danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken,
dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit beim Herrn sein.“
Dann erklärt er in 1. Korinther 15 den Aspekt der Verwandlung als zuvor verborgenes Geheimnis.
5. Was ist an der Entrückung eigentlich neu?
5.1 Die beispiellose Verheißung: Manche Gläubige werden niemals sterben
Das auffälligste neue Element des Geheimnisses der Entrückung ist in dem schlichten Satz zusammengefasst:
„Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden“ (1. Korinther 15,51).
„Schlaf“ ist in der biblischen Sprache ein geläufiges Bild für den Tod der Gläubigen (1. Thessalonicher 4,13–14). Paulus sagt damit:
- Eine letzte Generation von Christen wird bei der Wiederkunft Christi auf der Erde leben.
- Diese Gläubigen werden den physischen Tod nicht erleben.
- Und doch werden sie die notwendige Verwandlung vom Sterblichen zum Unsterblichen durchlaufen.
Dies ist etwas, das kein alttestamentlicher Gläubiger hätte ableiten können. Bis zu dieser Offenbarung galt das durchgängige Muster:
Leben → Tod → Auferstehung → Herrlichkeit.
Das Geheimnis der Entrückung offenbart ein neues Muster für eine Generation:
Leben → augenblickliche Verwandlung → Herrlichkeit.
5.2 Der kollektive und augenblickliche Charakter des Ereignisses
Ein weiteres neues Merkmal ist der gemeinsame und augenblickliche Charakter der Verwandlung:
- „In einem Nu“ – Das griechische Wort (atomos) bezeichnet einen unteilbaren Augenblick.
- „In einem Augenblick, bei einem Augenaufschlag“ – der schnellste wahrnehmbare menschliche Vorgang.
- „Wir werden alle verwandelt werden“ – Kein Gläubiger bleibt ausgeschlossen, ob frisch bekehrt oder langjährig gereift; alle, die in Christus sind, werden verwandelt.
Diese gleichzeitige Verwandlung der gesamten lebenden Gemeinde, zusammen mit der Auferstehung aller verstorbenen Gläubigen des Gemeindezeitalters, ist ein einzigartiges Ereignis im Heilsplan Gottes – und vor dem Neuen Testament nicht offenbart.
5.3 Dem Herrn in der Luft begegnen und in das Haus des Vaters gehen
Ein weiterer Aspekt des Geheimnisses betrifft den Ort und die Art der Begegnung:
- „…werden wir entrückt werden in Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft“ (1. Thessalonicher 4,17).
- Hinweggenommen in das Haus des Vaters (Johannes 14,2–3).
Die alttestamentliche Prophetie blickt überwältigend auf den Messias, der auf die Erde kommt, um zu herrschen, wobei die Heiligen Segnungen in einem erneuerten irdischen Reich genießen. Die Vorstellung, dass:
- Christus nur bis in die Luft herabkommt,
- die Heiligen zu Ihm hinaufgerafft werden,
- Er sie dann in das himmlische Haus des Vaters führt,
ist charakteristisch für die neutestamentliche Offenbarung und wird in den alttestamentlichen Prophetien nirgends beschrieben.
6. Die Entrückung im Verhältnis zu anderen „Geheimnissen“
Wenn Paulus die Entrückung ein mystērion nennt, stellt er sie neben andere zentrale neutestamentliche Offenbarungen, die das Gemeindezeitalter definieren:
- Die Gemeinde als „ein neuer Mensch“, in dem Juden und Heiden in einem Leib vereint sind (Epheser 3,3–6).
- Christus, der in den Gläubigen wohnt: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1,27).
- Die teilweise Verstockung Israels, bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist (Römer 11,25).
Jedes dieser Geheimnisse:
- War im Alten Testament nicht offenbart.
- Betrifft das besondere Handeln Gottes in der jetzigen Heilszeit.
- Wird vor allem in den Paulusbriefen entfaltet.
Die Entrückung als Geheimnis folgt genau diesem Muster. Sie ist eng mit der Lehre von der Gemeinde verbunden – dem Leib Christi, der durch den Geist zu Pfingsten gebildet und bei der Entrückung vollendet wird. Die Entrückung ist gewissermaßen der „Exodus“ der Gemeinde aus dieser Welt, ebenso einzigartig wie Pfingsten ihre übernatürliche Geburt in diese Welt war.
7. Warum die Entrückung ein offenbartes Geheimnis sein musste
7.1 Sie setzt das vollbrachte Werk Christi und das Dasein der Gemeinde voraus
Die Entrückung konnte nicht im Voraus offenbart werden, bevor:
- der Tod und die Auferstehung Christi vollzogen waren, durch die der Sieg über den Tod errungen und die Gewähr von Auferstehung und Verherrlichung gesichert wurde,
- die Gemeinde gebildet war, ein eigenes Volk, das als Leib und Braut mit Christus verbunden ist.
Erst wenn diese heilsgeschichtlichen Realitäten im Blick sind, kann Gott seinen Plan enthüllen,
- das Gemeindezeitalter dadurch abzuschließen, dass Er den ganzen Leib Christi entrückt,
- sowohl verstorbene als auch lebende Gläubige in die Christusähnlichkeit der Herrlichkeit zu verwandeln.
Schon der Zeitpunkt der Offenbarung markiert die Entrückung also als Geheimnis. Sie gehört in die Zeit nach dem Kreuz und nach Pfingsten und konnte daher im Alten Testament nicht bekannt sein.
7.2 Schutz vor Vermischung mit alttestamentlichen Reichserwartungen
Indem Gott diese Wahrheit bis zum Neuen Testament zurückhielt, verhindert Er die Vermischung zweier unterschiedlicher prophetischer Linien:
- Die irdische Reichshoffnung Israels – der Messias regiert von Jerusalem aus über das wiederhergestellte Israel und die Nationen.
- Die himmlische Hoffnung der Gemeinde – entrückt zu werden, um Christus zu begegnen und bei Ihm zu sein, wo Er ist.
Die Offenbarung der Entrückung als eigenständiges mystērion ermöglicht es, beide prophetischen Linien zu achten, ohne sie zu vermengen.
8. Praktische Konsequenzen der Entrückung als Geheimnis
8.1 Ein Ruf zur Erwartungshaltung
Weil die Entrückung nicht an sichtbare alttestamentliche Zeichen gebunden ist, sondern auf neue Offenbarung direkt an die Gemeinde gegründet ist, wird sie den Gläubigen als unmittelbar bevorstehendes (imminentes) Ereignis vorgestellt:
- Gläubige sollen seinen Sohn aus den Himmeln erwarten (1. Thessalonicher 1,10).
- Sie sollen die glückselige Hoffnung erwarten (Titus 2,13).
- Sie sollen bereit sein, damit sie bei seinem Kommen nicht beschämt werden (1. Johannes 2,28).
8.2 Ein einzigartiger Trost angesichts des Todes
Paulus führt die Lehre von der Entrückung in 1. Thessalonicher 4,13–18 ausdrücklich ein:
„…damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“
Aufgrund des Geheimnisses der Entrückung können Gläubige selbst am Grab sagen:
- Die Toten in Christus werden zuerst auferstehen.
- Wir, die wir leben, werden mit ihnen vereint werden.
- Eine ganze Generation von Gläubigen könnte den Tod überhaupt nicht erleben.
Diese doppelte Gewissheit – Auferstehung der Entschlafenen und Verwandlung der Lebenden – gründet sich genau auf das neu offenbarte Geheimnis, das Paulus entfaltet.
9. Schlussfolgerung
Wenn Paulus schreibt: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis“ (1. Korinther 15,51), schmückt er keine bekannte Lehre aus, sondern enthüllt einen völlig neuen Aspekt des Erlösungsplans Gottes. Die Entrückung ist ein Geheimnis, weil:
- sie im Alten Testament nicht offenbart wurde,
- sie vom vollbrachten Werk Christi und von der Existenz der Gemeinde abhängt,
- sie eine bisher nie dagewesene Realität einführt: dass manche Gläubige niemals sterben werden und doch in einem Augenblick in unvergängliche Herrlichkeit verwandelt werden.
Diese neue Offenbarung hebt alttestamentliche Zusagen nicht auf, sondern ergänzt sie. Als Teil der umfassenderen neutestamentlichen Offenbarung zeigt die Entrückung die Gnade Gottes gegenüber seiner Gemeinde und unterstreicht die Gewissheit unserer endgültigen Verwandlung:
„Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen, und dieses Sterbliche muss Unsterblichkeit anziehen.“
— 1. Korinther 15,53
Die Entrückung als Geheimnis zu verstehen heißt, sie als reine Offenbarung zu sehen – als Geschenk göttlicher Einsicht in Gottes Absichten mit seinem Volk in der jetzigen Heilszeit und in ihren außergewöhnlichen Ausgang aus dieser Welt bei der Wiederkunft des Herrn zur Entrückung.
Häufig gestellte Fragen
Warum bezeichnet Paulus die Entrückung als „Geheimnis“?
Was genau ist das Geheimnis an der Entrückung?
Wird die Entrückung im Alten Testament gelehrt?
Worin unterscheidet sich die Entrückung von der alttestamentlichen Prophetie?
L. A. C.
Theologe spezialisiert auf Eschatologie, engagiert darin, Gläubigen zu helfen, Gottes prophetisches Wort zu verstehen.
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