Die Ölbergrede: Verständnis von Matthäus 24–25
1. Einleitung
Die Ölbergrede in Matthäus 24–25 gehört zu den zentralen Texten der biblischen Eschatologie. Sie wurde von Jesus auf dem Ölberg wenige Tage vor seiner Kreuzigung gehalten und bietet eine klar strukturierte Prophetie über die Endzeitereignisse – mit besonderem Fokus auf Israel, die kommende Trübsal und die Zweite Wiederkunft Christi.
Der Bericht bei Matthäus ist die ausführlichste Fassung der Ölbergrede (Parallelen finden sich in Markus 13 und Lukas 21) und erstreckt sich von Matthäus 24,1 bis 25,46. Dieser Abschnitt skizziert die Zukunft Israels, die Abfolge der endzeitlichen Gerichte und die Notwendigkeit von Wachsamkeit und Treue im Blick auf die Wiederkunft Christi.
2. Situation und Fragen: Matthäus 24,1–3
Die Rede wird durch zwei zentrale Elemente ausgelöst:
-
Gericht über Israels Leiter und den Tempel
In Matthäus 23 klagt Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer an und beweint Jerusalem (Mt 23,37–39). Er erklärt, dass ihr „Haus“ (der Tempel) öde gelassen werde und dass sie ihn nicht mehr sehen würden, bis sie sprechen: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Mt 23,39). -
Ankündigung der Zerstörung des Tempels
Als die Jünger die prachtvollen Tempelgebäude bewundern, antwortet Jesus:„Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“
— Matthäus 24,2
Auf dem Ölberg angekommen, fragen ihn die Jünger im Verborgenen (Matthäus 24,3):
„Sage uns, wann wird das geschehen, und was wird das Zeichen deiner Wiederkunft und des Endes der Weltzeit sein?“
Im Matthäusevangelium liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem zweiten Teil der Frage: das Zeichen der Wiederkunft Christi und das Ende der Weltzeit. Lukas behandelt ausführlicher die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. (Lk 21,20–24), während Matthäus vor allem auf Israels Zukunft in der noch kommenden Trübsal und die herrliche Wiederkunft Christi fokussiert.
Wesentlich ist: Zu diesem Zeitpunkt wissen die Jünger fast nichts von der kommenden Heilsgeschichte der Gemeinde; die Rede richtet sich in erster Linie an Israel, an Jerusalem und an das messianische Reich (vgl. die Hinweise auf Judäa, den Tempel, den Sabbat und den „Gräuel der Verwüstung“ in Mt 24,15–20).
3. Aufbau von Matthäus 24: Trübsal und Zweite Wiederkunft
Matthäus 24 bietet einen chronologischen und thematischen Überblick über die Endzeitereignisse. Aus eschatologischer Sicht beschreibt die Rede vor allem die siebzigste Woche Daniels (die zukünftige siebenjährige Trübsal; vgl. Dan 9,24–27).
3.1 Der Anfang der Wehen: Matthäus 24,4–14
In 24,4–14 schildert Jesus Zustände, die den Siegelgerichten aus Offenbarung 6 entsprechen und die Trübsalszeit kennzeichnen:
- Falsche Christusse und religiöse Verführung (24,4–5.11)
- Kriege und Kriegsgerüchte; Volk gegen Volk, Reich gegen Reich (24,6–7)
- Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben (24,7–8)
- Verfolgung und Martyrium von Gläubigen (24,9–10)
- Zunehmende Gesetzlosigkeit und Erkalten der Liebe (24,12)
- Weltweite Verkündigung des „Evangeliums vom Reich“ (24,14)
Jesus nennt dies „den Anfang der Wehen“ (Mt 24,8). Das Bild der Geburtswehen deutet auf eine zunehmende Häufigkeit und Intensität hin, je näher der Höhepunkt der Weltzeit rückt.
Aus dispensationaler Perspektive beschreiben diese Verse Zustände innerhalb der zukünftigen Trübsal, die eng mit Offenbarung 6,1–8 (die Siegelgerichte: Eroberung, Krieg, Hunger, Tod) und der Märtyrerszene in Offenbarung 6,9–11 parallel laufen. Sie bereiten die Bühne für die Große Trübsal, die in der Mitte der sieben Jahre beginnt.
3.2 Der Gräuel der Verwüstung und die Große Trübsal: Matthäus 24,15–28
Der Wendepunkt der Ölbergrede findet sich in Matthäus 24,15:
„Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet ist, stehen seht an heiliger Stätte – wer es liest, der merke darauf – …“
— Matthäus 24,15
Dieser „Gräuel“ verweist zurück auf Daniel 9,27; 11,31; 12,11 und deutet auf eine zukünftige Entweihung eines jüdischen Tempels durch den Antichrist hin, der die Opfer einstellen und ein Götzenbild seiner selbst aufrichten wird, das als Gott angebetet werden soll (vgl. 2Thess 2,3–4; Offb 13,14–15).
Daraufhin befiehlt Jesus:
- Denjenigen in Judäa, in die Berge zu fliehen (24,16).
- Nicht ins Haus zurückzukehren, um Habseligkeiten zu holen (24,17–18).
- Zu beten, dass ihre Flucht nicht im Winter oder am Sabbat geschehe (24,20), was erneut den jüdischen Kontext unterstreicht.
Dieses Ereignis markiert den Beginn dessen, was Jesus „große Trübsal“ nennt:
„Denn es wird alsdann eine große Trübsal sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird.“
— Matthäus 24,21
Die Große Trübsal ist die letzte dreieinhalbjährige Phase der siebenjährigen Periode (vgl. Dan 9,27; 12,1; Offb 11,2–3; 12,6.14; 13,5). Sie ist gekennzeichnet durch:
- Eine nie dagewesene Verfolgung und Vernichtung, besonders von Juden und Trübsalsheiligen (24,21–22).
- Verstärkte Verführung durch falsche Christusse und falsche Propheten, die große Zeichen und Wunder tun, um – wenn möglich – selbst die Auserwählten zu verführen (24,23–26).
Diese Verse nehmen Offenbarung 13–16 vorweg, wo der Antichrist und der Falsche Prophet ein globales System von Anbetung, Verfolgung und Gericht beherrschen.
3.3 Die sichtbare Zweite Wiederkunft: Matthäus 24,29–31
Nach der Trübsal beschreibt Jesus seine herrliche Wiederkunft:
„Sogleich aber nach der Trübsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben …“
— Matthäus 24,29
Kosmische Erschütterungen kennzeichnen den Höhepunkt:
- Verfinsterte Sonne und Mond
- Erschütterung der himmlischen Mächte
Dann:
„Und dann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel; und dann werden wehklagen alle Geschlechter auf Erden und werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit.“
— Matthäus 24,30
Dies ist keine verborgene oder rein symbolische Wiederkunft; sie ist weltweit, öffentlich und unübersehbar (vgl. Offb 1,7; 19,11–16). Die Ungläubigen wehklagen, weil das Gericht gekommen ist.
Vers 31 beschreibt die Wiedersammlung Israels:
„Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern.“
— Matthäus 24,31
Im endzeitlichen Kontext bezeichnet „die Auserwählten“ hier das gläubige Israel, das in Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen in sein Land zurückgeführt wird (z. B. 5Mo 30,3–5; Jes 11,11–12), als Vorbereitung auf das kommende Millennium (das Tausendjährige Reich).
4. Wachsamkeit und Treue: Matthäus 24,32–25,30
Nachdem Jesus die Abfolge der Endzeitereignisse entfaltet hat, wendet er sich gleichnishaften Mahnreden zu, die die Notwendigkeit geistlicher Bereitschaft betonen.
4.1 Das Gleichnis vom Feigenbaum und die Tage Noahs: Matthäus 24,32–44
Der Feigenbaum (24,32–35) illustriert die Funktion der endzeitlichen Zeichen:
- So wie das Ausschlagen der Blätter die Nähe des Sommers anzeigt, so zeigen das Auftreten der vorhergesagten Ereignisse die Nähe der Wiederkunft Christi an.
- Die Generation, die die Entfaltung dieser Zeichen der Trübsal miterlebt, wird auch den Abschluss der Ereigniskette und die Zweite Wiederkunft sehen (24,34).
Die Tage Noahs (24,37–39) betonen moralische und geistliche Gleichgültigkeit:
- Die Menschen aßen und tranken, sie heirateten und wurden verheiratet – alltägliche Tätigkeiten – und beachteten doch die Predigt und Warnung vor dem kommenden Gericht nicht.
- So wird es bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein: das normale Leben läuft weiter, während die Menschen die Realität des herannahenden Gerichts verdrängen.
Daraus folgen Bilder plötzlicher Trennung (24,40–41) und der eindringliche Befehl:
„Darum wacht! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“
— Matthäus 24,42
4.2 Treue und untreue Knechte: Matthäus 24,45–51
Das Gleichnis von den treuen und bösen Knechten verschärft die ethische Forderung:
- Der treue Knecht versieht seinen Auftrag zuverlässig, ist auf die unerwartete Rückkehr seines Herrn vorbereitet und wird entsprechend belohnt (24,45–47).
- Der böse Knecht nutzt die scheinbare Verzögerung aus, misshandelt andere und lebt in Selbstsucht und Ausschweifung – und trifft unversehens auf hartes Gericht (24,48–51).
Im eschatologischen Zusammenhang unterstreichen diese Gleichnisse, dass Nähe zu prophetischer Wahrheit ohne Gehorsam geistlich tödlich ist.
4.3 Die zehn Jungfrauen und die anvertrauten Talente: Matthäus 25,1–30
In Matthäus 25 setzt Jesus mit zwei bedeutenden Gleichnissen fort:
-
Die zehn Jungfrauen (25,1–13)
- Zehn Jungfrauen warten als Brautbegleiterinnen auf den Bräutigam.
- Fünf sind klug und haben genügend Öl, fünf sind töricht und beim Eintreffen des Bräutigams unvorbereitet.
- Die Tür wird geschlossen; die törichten Jungfrauen bleiben ausgeschlossen.
Das Gleichnis betont die Bereitschaft trotz verzögerter, aber sicherer Ankunft – eine ernste Warnung besonders für Israel in der endzeitlichen Not, aber mit weiter Anwendung auf alle, die Jesu Worte hören.
-
Die anvertrauten Talente (25,14–30)
- Ein Herr übergibt drei Knechten unterschiedliche Geldbeträge („Talente“).
- Zwei Knechte setzen das Anvertraute ein und vermehren es; einer vergräbt sein Talent aus Furcht und Trägheit.
- Die Treuen werden mit größerer Verantwortung belohnt; der unnütze Knecht erleidet schweren Verlust.
Dieses Gleichnis hebt die Rechenschaftspflicht im Blick auf die Wiederkunft Christi hervor: Wie jemand die anvertrauten Gaben Gottes in der „Wartezeit“ nutzt, offenbart seinen wahren Charakter und bestimmt zukünftigen Lohn oder Verlust.
5. Die abschließende Szene: Das Gericht über die Nationen – Matthäus 25,31–46
Die Ölbergrede endet mit einer majestätischen Szene eines nachtrübsalischen Gerichts:
„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit.“
— Matthäus 25,31
Hier beschreibt Jesus das Gericht über die heidnischen Nationen, die die Trübsal überlebt haben:
- Alle Nationen werden vor ihm versammelt (25,32).
- Er scheidet sie voneinander, wie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.
- Das Kriterium ist, wie sie „diesen meinen Brüdern“ begegnet sind (25,40), am besten verstanden als Jesu jüdische Brüder, die während der Trübsal verfolgt wurden.
Diejenigen, die aus wirklichem Glauben heraus Christi Brüdern geholfen haben, gehen in das Millennium, das Tausendjährige Reich, ein („das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“, 25,34). Die anderen, die sich verweigert haben und damit ihren verstockten Unglauben offenbaren, gehen „in die ewige Strafe“ (25,46).
Diese Gerichtsszene schließt die Ölbergrede mit einem eindrucksvollen Bild Christi als König, Richter und Hirte und markiert den Übergang von der Trübsal zur Aufrichtung seines irdischen Reiches.
6. Schlussfolgerung
Matthäus 24–25 – die Ölbergrede – ist ein Grundlagentext der biblischen Eschatologie. Darin:
- Erklärt Jesus die zukünftige Trübsal, einschließlich ihres Anfangs als „Wehen“, des mittleren Wendepunkts mit dem Gräuel der Verwüstung und der beispiellosen Großen Trübsal.
- Beschreibt er seine sichtbare Zweite Wiederkunft in Herrlichkeit, begleitet von kosmischen Zeichen und der Wiedersammlung Israels.
- Warnt er wiederholt vor Verführung, geistlicher Trägheit und Untreue und ruft durch Gleichnisse zu Wachsamkeit, Bereitschaft und verantwortlicher Haushalterschaft auf.
- Schließt er mit dem Gericht über die Nationen, das die trennt, die in das Reich eingehen, von denen, die der ewigen Strafe übergeben werden.
Für Leserinnen und Leser von Matthäus 24–25 heute bietet die Ölbergrede einen prophetischen Fahrplan der Endzeit und einen kraftvollen Aufruf, in ständiger Bereitschaft für die Wiederkunft des Menschensohnes zu leben.
FAQ
F: Was ist die Ölbergrede in Matthäus 24–25?
Die Ölbergrede ist Jesu ausführliche prophetische Lehrrede auf dem Ölberg, aufgezeichnet in Matthäus 24–25. Sie skizziert die zukünftigen Ereignisse rund um die Trübsal, die Zweite Wiederkunft, die Wiedersammlung Israels und das Gericht über die Nationen und ruft zu Wachsamkeit und Treue im Blick auf seine Wiederkunft auf.
F: Bezieht sich die Ölbergrede auf die Gemeinde oder auf Israel?
Im Bericht des Matthäus liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Israel und dem Ende der jüdischen Heilszeit, nicht auf der Gemeinde. Das zeigen die Hinweise auf Judäa, den Tempel, den Sabbat und den „Gräuel der Verwüstung“, die alle in Israels prophetische Heilsgeschichte eingebettet sind (vgl. Dan 9,24–27).
F: Wie verhalten sich Matthäus 24–25 und die Offenbarung zueinander?
Der frühe Abschnitt von Matthäus 24 (V. 4–14) entspricht deutlich den Siegelgerichten in Offenbarung 6 – falsche Christusse, Kriege, Hungersnöte, Seuchen und Martyrium. Die Große Trübsal in Matthäus 24,15–28 steht in Parallele zu den sich steigernden Gerichten und dem Wirken des Antichrist in Offenbarung 8–16, während Matthäus 24,29–31 mit der Wiederkunft Christi in Offenbarung 19,11–16 korrespondiert.
F: Was bedeutet „Gräuel der Verwüstung“ in Matthäus 24,15?
Der „Gräuel der Verwüstung“ bezeichnet einen zukünftigen Akt, bei dem der Antichrist einen wiederaufgebauten jüdischen Tempel entweiht, die Opfer stoppt und ein Götzenbild errichtet, das Anbetung fordert (vgl. Dan 9,27; 12,11; 2Thess 2,3–4; Offb 13,14–15). Jesus kennzeichnet dies als das entscheidende Zeichen, das den Beginn der Großen Trübsal markiert.
F: Wie sollten Christen heute auf die Ölbergrede reagieren?
Obwohl Matthäus 24–25 sich primär auf Israels Zukunft und die endzeitliche Trübsal bezieht, sind die ethischen Appelle allgemein gültig: sich vor Verführung hüten, geistlich wach bleiben, treu im Blick auf die Wiederkunft Christi leben und die von Gott anvertrauten Ressourcen weise verwalten. Die Ölbergrede will nicht nur unsere Eschatologie informieren, sondern auch unsere tägliche Nachfolge prägen.
Häufig gestellte Fragen
F: Was ist die Ölbergrede in Matthäus 24–25?
F: Bezieht sich die Ölbergrede auf die Gemeinde oder auf Israel?
F: Wie verhalten sich Matthäus 24–25 und die Offenbarung zueinander?
F: Was bedeutet „Gräuel der Verwüstung“ in Matthäus 24,15?
F: Wie sollten Christen heute auf die Ölbergrede reagieren?
L. A. C.
Theologe spezialisiert auf Eschatologie, engagiert darin, Gläubigen zu helfen, Gottes prophetisches Wort zu verstehen.
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