Was ist der Richterstuhl Christi?
1. Einleitung
Innerhalb der biblischen Eschatologie gibt es nur wenige Themen, die für Gläubige so durchdringend und prüfend sind wie der Richterstuhl Christi. Anders als beim endgültigen Gericht über Ungläubige betrifft dieses Gericht ausschließlich solche, die bereits gerettet sind. Sein Zweck ist nicht, über Himmel oder Hölle zu entscheiden, sondern das Leben der Gläubigen zu bewerten und ewige Belohnungen zuzuteilen.
Zwei zentrale Bibelstellen definieren diese Lehre:
„Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeder empfange, was er durch den Leib vollbracht hat, es sei gut oder böse.“
— 2. Korinther 5,10
„Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. … So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“
— Römer 14,10.12
Dieser Artikel erklärt, was der Richterstuhl Christi ist und warum es ihn gibt, mit besonderem Schwerpunkt auf diesen beiden grundlegenden Texten.
2. Die Bedeutung des „Richterstuhls“ (Bēma)
Der Ausdruck „Richterstuhl“ gibt das griechische Wort bēma wieder, das wörtlich eine erhöhte Stufe oder Plattform bezeichnet.
In der Welt des Neuen Testaments hatte ein bēma zwei Hauptfunktionen:
- Gerichtsstuhl – der offizielle Platz, an dem ein Statthalter oder Richter saß, um Rechtssachen zu verhandeln (z. B. Apostelgeschichte 18,12; Johannes 19,13).
- Athletische Siegertribüne – die Plattform, von der aus die Schiedsrichter die Wettkämpfe beobachteten und den Siegern die Preise verliehen.
Paulus schreibt an Korinth, eine Stadt, die für große athletische Spiele bekannt war, und greift bewusst dieses sportliche Bild auf. Der Richterstuhl Christi ist daher am besten nicht als Strafgericht zu verstehen, bei dem Gläubige mit Verurteilung rechnen müssen, sondern als eine Sieger- und Belohnungsplattform, auf der Christus sein Volk bewertet und belohnt.
Das steht im Einklang mit der klaren Lehre des Neuen Testaments, dass Gläubige nicht mehr unter Verdammnis stehen:
„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“
— Römer 8,1
Das bēma ist somit ein prüfendes und belohnendes Gericht, kein rettendes oder strafendes.
3. Wer wird vor dem Richterstuhl Christi erscheinen?
Sowohl 2. Korinther 5,10 als auch Römer 14,10 betonen die Allumfassenheit unter den Gläubigen:
- „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ (2. Kor 5,10).
- „Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden“ (Röm 14,10).
Wichtige Beobachtungen:
- Das „wir“ bezieht sich im Zusammenhang eindeutig auf Christen (Heilige der Gemeindezeit), nicht auf die gesamte Menschheit.
- Die Teilnahme ist für Gläubige allgemein und unausweichlich: „ein jeder“ und „jeder von uns“ wird Rechenschaft geben (2. Kor 5,10; Röm 14,12).
- Dieses Gericht ist zu unterscheiden vom Großen Weißen Thron-Gericht über Ungläubige in Offenbarung 20,11–15.
Mit anderen Worten: Jeder wahre Gläubige an Christus wird persönlich vor Ihm stehen, damit sein oder ihr Leben bewertet wird.
4. Was wird gerichtet? Die Grundlage der Bewertung durch Christus
4.1 „Was er durch den Leib getan hat“ (2. Korinther 5,10)
Paulus sagt, dass wir empfangen werden:
„…was er durch den Leib vollbracht hat, es sei gut oder böse.“
— 2. Korinther 5,10
Daraus ergeben sich mehrere Punkte:
- Der Fokus liegt auf dem Leben nach der Bekehrung – „durch den Leib“ meint unsere irdische christliche Lebensführung.
- Der hier mit „böse“ übersetzte Begriff (griechisch phaulos) bedeutet häufig wertlos, nicht zwingend moralisch abscheulich. Es geht um Wert und Belohnungsfähigkeit, nicht um Schuld und Verdammnis.
- Christus wird sowohl bewerten:
- Taten – äußere Werke des Dienstes oder Ungehorsams,
- Motive – die inneren Beweggründe hinter diesen Taten.
An anderer Stelle verbindet Paulus dieses Gericht ausdrücklich mit der Offenlegung der Motive:
„…der auch das im Finstern Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenbar machen wird; und dann wird jedem sein Lob werden von Gott.“
— 1. Korinther 4,5
So können scheinbar beeindruckende Werke sich als „Holz, Heu, Stoppeln“ erweisen, wenn sie von Stolz oder Selbstdarstellung motiviert sind (1. Korinther 3,12–15), während einfache, verborgene Treuehandlungen als „Gold, Silber, kostbare Steine“ hervortreten.
4.2 „Jeder von uns wird Rechenschaft geben“ (Römer 14,10–12)
In Römer 14 geht Paulus auf Streitfragen über nicht wesentliche Dinge (Speise, besondere Tage) ein und warnt Gläubige davor, sich an Christi Stelle als Richter aufzuspielen:
„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.“
— Römer 14,10
Die eschatologische Aussage ist deutlich:
- Wir sind nicht die letztgültigen Beurteiler anderer Gläubiger.
- Christus allein wird die Entscheidungen, Gewissenshaltungen und Überzeugungen jedes Gläubigen abwägen.
- Jeder Gläubige wird eine individuelle, persönliche Rechenschaft ablegen: „So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben“ (Röm 14,12).
Am Richterstuhl Christi wird der Herr daher auch überprüfen, wie wir einander behandelt haben, besonders in Fragen der christlichen Freiheit, des Gewissens und der Liebe.
5. Der Zweck des Richterstuhls Christi
5.1 Nicht zur Feststellung der Errettung
Der Richterstuhl Christi entscheidet nicht, ob jemand gerettet ist. Diese Frage wird in diesem Leben durch den Glauben an Christus allein geklärt:
„Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken…“
— Epheser 2,8–9
Diejenigen, die vor dem bēma Christi erscheinen, sind bereits:
- Gerechtfertigt (Römer 5,1),
- Vergeben (Hebräer 10,17),
- In Christus geborgen (Johannes 10,28–29).
Gläubige in Bezug auf ihr ewiges Heil wegen ihrer Sünden erneut zu richten, würde dem vollbrachten Werk Christi und der Verheißung „keine Verdammnis“ widersprechen.
5.2 Zur Bewertung und Belohnung
Der ausdrücklich genannte Zweck in 2. Korinther 5,10 lautet:
„…damit ein jeder empfange, was er durch den Leib vollbracht hat…“
Das Verb „empfangen“ weist auf Vergeltung bzw. Belohnung hin. Ebenso betont Römer 14,12 die Rechenschaftspflicht. Verbindet man diese Texte mit 1. Korinther 3,10–15 und anderen Stellen, ergibt sich ein klares Bild:
- Der Richterstuhl Christi ist eine Überprüfung des Lebens und Dienstes des Gläubigen.
- Das Ergebnis ist die Zuteilung oder der Verlust von Belohnungen, nicht der Zugang zum Himmel.
- Manche Werke werden bleiben und belohnt werden; andere werden als wertlos verbrannt werden (der Gläubige selbst aber „wird gerettet werden“, 1. Kor 3,15).
Zusammengefasst besteht der Zweck des Richterstuhls Christi darin:
- Die wahre Qualität der Werke und Motive jedes Gläubigen offenzulegen.
- Angemessene ewige Belohnungen zu verleihen, einschließlich:
- Kronen (2. Timotheus 4,8; Jakobus 1,12; 1. Petrus 5,4),
- Unterschiedlicher Verantwortungsbereiche und Dienste im Reich Christi (Lukas 19,11–27),
- Lob und Anerkennung von Christus selbst (1. Korinther 4,5).
6. Der Charakter dieses Gerichts
6.1 Persönlich und individuell
Beide Schlüsseltexte betonen das Individuelle:
- „…damit ein jeder empfange…“ (2. Kor 5,10).
- „Jeder von uns wird für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“ (Röm 14,12).
Der Richterstuhl ist kein Gruppenurteil. Jeder Gläubige wird von Angesicht zu Angesicht mit Christus stehen – ohne Vermittler, ohne Menge, ohne Vergleich mit anderen.
6.2 Umfassend und doch gnädig
Aus der Zusammenschau von 2. Korinther 5,10, Römer 14,10–12 und verwandten Texten ergibt sich, dass dieses Gericht:
- Umfassend ist – es schließt Handlungen, Worte, Gedanken und Motive ein.
- Gerecht und unparteiisch ist – Christus richtet ohne Ansehen der Person (Kolosser 3,25).
- Gründlich ist – „wir müssen alle offenbar werden“ kann wörtlich „offenbar gemacht werden“ bedeuten; unser Leben wird offengelegt.
- Gnädig ist – selbst dort, wo „Schaden“ in Bezug auf Lohn entsteht (1. Kor 3,15), bleibt der Gläubige doch gerettet; und die Schrift deutet an, dass jeder Gläubige wenigstens ein gewisses Lob von Gott empfangen wird (1. Korinther 4,5).
Die mit diesem Gericht verbundene Furcht des Herrn (2. Korinther 5,11) ist daher nicht die Angst vor Verdammnis, sondern ein nüchternes Bewusstsein, dass unser Leben ewige Bedeutung hat.
7. Praktische Konsequenzen für Gläubige
Die Lehre vom Richterstuhl Christi ist keine theoretische Spekulation, sondern soll das christliche Leben konkret prägen.
Aus 2. Korinther 5 und Römer 14 ergeben sich mehrere Anwendungen:
-
Motivation, Christus zu gefallen
Im unmittelbaren Zusammenhang von 2. Korinther 5,10 sagt Paulus:„Darum setzen wir auch unsere Ehre darein, ob daheim oder in der Fremde, ihm wohlgefällig zu sein.“
— 2. Korinther 5,9
Das Wissen, dass wir vor Christus stehen werden, sollte Sein Wohlgefallen zu unserem höchsten Ziel machen. -
Achtsamkeit im Umgang mit anderen Gläubigen
In Römer 14 untergräbt die Realität des Richterstuhls jede harte Kritik und Verachtung:- Statt einander über zweifelhafte Fragen zu richten, sollen Gläubige in Liebe und Rücksichtnahme leben und sich bewusst sein, dass Christus uns alle richten wird.
-
Ermutigung in verborgener Treue
Viele Akte des Gehorsams und der Hingabe bleiben auf der Erde unbemerkt und ungewürdigt. Doch:„Dann wird einem jeden sein Lob werden von Gott.“
— 1. Korinther 4,5
Der Richterstuhl Christi garantiert, dass nichts, was in rechter Gesinnung für Christus getan wird, je vergeblich ist. -
Nüchternheit angesichts vertaner Chancen
Die Möglichkeit, „Schaden zu erleiden“ (1. Kor 3,15), warnt vor einem sorglosen Christenleben. Zeit, Gaben und Gelegenheiten sind eine Verwalterschaft, die überprüft werden wird.
8. Schlussfolgerung
Der Richterstuhl Christi ist ein zentrales Element der neutestamentlichen Eschatologie, besonders wie er in 2. Korinther 5,10 und Römer 14,10–12 entfaltet wird. Er lehrt:
- Jeder Gläubige wird persönlich und individuell vor Christus stehen.
- Christus wird das, was wir durch den Leib getan haben, einschließlich der Herzensmotive, bewerten.
- Dieses Gericht betrifft nicht die Errettung, sondern Lohn, Anerkennung und möglichen Lohnverlust.
- Die angemessene Antwort ist ein Leben, das darauf ausgerichtet ist, Christus zu gefallen, geprägt von Liebe zu anderen Gläubigen und Treue in allen Bereichen.
Anstatt lähmende Angst zu erzeugen, soll diese Lehre heilige Ernsthaftigkeit, bleibende Hoffnung und freudige Erwartung wecken – in der Aussicht, eines Tages zu hören: „Recht so, du guter und treuer Knecht.“
FAQ
F: Was ist der Richterstuhl Christi?
Der Richterstuhl Christi ist die nach der Errettung stattfindende Bewertung der Gläubigen durch Christus, wie sie in 2. Korinther 5,10 und Römer 14,10–12 beschrieben wird. Bei diesem Gericht wird jeder Christ vor dem Herrn Rechenschaft ablegen und Lohn empfangen – oder Lohnverlust erleiden – je nachdem, was er im Leib getan hat, sei es gut oder wertlos.
F: Geht es beim Richterstuhl Christi um Errettung oder um Belohnungen?
Es geht um Belohnungen, nicht um Errettung. Die Errettung wird in diesem Leben allein durch den Glauben an Christus festgemacht (Epheser 2,8–9). Der Richterstuhl Christi betrifft die Qualität des Lebens und Dienstes eines Gläubigen und bestimmt ewige Belohnungen und Verantwortlichkeiten, nicht den Zugang zum Himmel.
F: Worin unterscheidet sich der Richterstuhl Christi vom Großen Weißen Thron?
Der Richterstuhl Christi ist ausschließlich für Gläubige und konzentriert sich auf Belohnung (2. Kor 5,10; Röm 14,10–12). Das Gericht vor dem Großen Weißen Thron, beschrieben in Offenbarung 20,11–15, ist für Ungläubige und endet in endgültiger Verdammnis. Kein Gläubiger erscheint vor dem Großen Weißen Thron, und kein Ungläubiger erscheint vor dem Richterstuhl Christi.
F: Was wird Christus am Richterstuhl beurteilen?
Christus wird beurteilen, was jeder Gläubige im Leib getan hat, einschließlich Taten, Worte und Motive. 2. Korinther 5,10 betont die durch den Leib vollbrachten Werke, während Römer 14,12 hervorhebt, dass jeder für sich selbst Gott Rechenschaft geben wird. Andere Stellen zeigen, dass auch die verborgenen Dinge des Herzens und die Beweggründe offenbar werden (1. Korinther 4,5).
F: Kann ein Gläubiger beim Richterstuhl Christi etwas „verlieren“?
Ein Gläubiger kann nicht seine Errettung verlieren, wohl aber Lohn. 1. Korinther 3,15 lehrt, dass manche Werke als wertlos verbrannt werden; der Betreffende wird „Schaden leiden“, „doch er selbst wird gerettet werden“. Dieser Verlust betrifft also verpasste Belohnungen, Möglichkeiten und Anerkennung – nicht das ewige Leben selbst.
Häufig gestellte Fragen
F: Was ist der Richterstuhl Christi?
F: Geht es beim Richterstuhl Christi um Errettung oder um Belohnungen?
F: Worin unterscheidet sich der Richterstuhl Christi vom Großen Weißen Thron?
F: Was wird Christus am Richterstuhl beurteilen?
F: Kann ein Gläubiger beim Richterstuhl Christi etwas „verlieren“?
L. A. C.
Theologe spezialisiert auf Eschatologie, engagiert darin, Gläubigen zu helfen, Gottes prophetisches Wort zu verstehen.
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