Wörtlich oder allegorisch? Der richtige Umgang mit biblischer Prophetie
1. Einleitung
Die Weise, wie wir biblische Prophetie auslegen – wörtlich oder allegorisch –, prägt unser gesamtes Verständnis der Endzeit. Ist die „tausend Jahre“ in Offenbarung 20 ein tatsächlich zukünftiges Reich oder nur ein Symbol für das gegenwärtige Zeitalter? Sind Israels Landverheißungen in 1. Mose 15 und 17 zukünftige Geografie oder geistliche Metaphern für die Gemeinde?
Im Kern geht es nicht um bloße Neugier hinsichtlich der Zukunft, sondern um Hermeneutik – die Methode, mit der wir die Schrift auslegen. Dieser Artikel erklärt den Unterschied zwischen wörtlicher und allegorischer Auslegung biblischer Prophetie, begründet den wörtlich‑grammatikalisch‑historischen Ansatz und zeigt, wann prophetische Texte bildhaft zu verstehen sind, ohne die wörtliche Wahrheit aufzugeben.
2. Was ist die wörtliche Auslegung biblischer Prophetie?
2.1 Definition: Wörtlich = normaler, schlichter Sinn
In der Hermeneutik stammt wörtlich von sensus literalis – dem schlichten, normalen Sinn des Textes. Wörtliche Auslegung biblischer Prophetie bedeutet:
Prophetische Aussagen so auszulegen, wie wir jede ernsthafte, gewöhnliche Mitteilung auslegen – gemäß normaler Grammatik, Wortbedeutung und historischem Kontext.
Wenn jemand sagt: „Ich habe drei braune Hunde in der Gasse gesehen“, suchen wir keinen geheimen Code. Wir verstehen: drei (nicht fünf) braune (nicht schwarze) Hunde (nicht Katzen) in der Gasse (nicht im Park). Wörtliche Auslegung nähert sich der Prophetie mit derselben Grundannahme.
2.2 Die grammatisch‑historisch‑kontextuelle Methode
Die wörtliche Auslegung der Prophetie wird oft als grammatisch‑historische Methode bezeichnet:
- Grammatisch – Wörter und Sätze werden nach den normalen Regeln der Sprache verstanden: Syntax, Verbformen, Substantive, Präpositionen usw.
- Historisch – Texte werden in ihrem ursprünglichen historischen und kulturellen Umfeld gelesen; wir fragen, was sie für den ursprünglichen Autor und die erste Hörerschaft bedeuteten.
- Kontextuell – Verse werden in ihrem unmittelbaren Zusammenhang, im Rahmen des jeweiligen Buches und im Zusammenhang der ganzen Bibel ausgelegt.
Das Ziel ist, die vom Autor beabsichtigte Bedeutung zu erkennen, nicht unsere eigenen geistlichen oder symbolischen Ideen in den Text hineinzutragen.
2.3 Wörtliche Auslegung lässt Bilder, Symbole und Typen zu
Wörtlich bedeutet nicht „hölzern“ oder „hyper‑wörtlich“. Es bedeutet:
- Redefiguren werden als solche erkannt.
- Symbole werden anerkannt, aber immer als Symbole für etwas Reales und Wörtliches.
- Typen (z. B. Opfer, die auf Christus hinweisen) werden als reale Personen, Ereignisse und Institutionen verstanden, die zukünftige wörtliche Erfüllungen vorschattieren.
Beispiele:
- „Ich bin die Tür“ (Johannes 10,9) ist offensichtlich bildhaft; Jesus ist keine Holztür. Dennoch gibt es eine wörtliche Wahrheit: Er ist der einzige Zugang zum Heil.
- Gott ist nicht wörtlich ein „Fels“ (Psalm 18,3 [18,2]), aber Er ist tatsächlich so zuverlässig und unerschütterlich wie ein Fels.
- In der Offenbarung sind die „sieben Leuchter“ symbolisch, doch der Text deutet sie wörtlich als sieben Gemeinden (Offenbarung 1,20).
Eine wörtliche Methode fragt: Auf welche wörtliche Wirklichkeit weist dieses Bild oder dieses Symbol hin? Sie leugnet Symbole nicht, sondern betont, dass sie auf reale Gegebenheiten verweisen.
2.4 Eine Bedeutung, viele Anwendungen
Die wörtliche Auslegung bejaht außerdem:
- Eine Grundbedeutung (sensus unus): Jeder prophetische Text hat eine grundlegende Bedeutung – die, die Gott durch den menschlichen Autor beabsichtigte.
- Viele Implikationen und Anwendungen: Eine Prophetie kann zahlreiche legitime Anwendungen und weitreichende Implikationen haben, aber alle gehen aus dieser einen ursprünglichen Bedeutung hervor.
Dies schützt uns vor der Vorstellung, Texte hätten endlose „tiefere“ oder einander widersprechende Bedeutungen (sensus plenior im Sinne mehrerer, konkurrierender Sinne).
3. Was ist allegorische Auslegung biblischer Prophetie?
3.1 Definition: Allegorische / geistliche Auslegung
Allegorische Auslegung (oft als „Spiritualisierung“ bezeichnet) behandelt den wörtlichen Sinn der Prophetie als zweitrangig oder sogar entbehrlich und sucht stattdessen nach einem verborgenen, tieferen, geistlichen Sinn.
In dieser Methode:
- Wird Israel zu einem Symbol für die Gemeinde.
- Werden Landverheißungen umgedeutet zu Himmel oder „geistlichen Segnungen“.
- Wird das Millennium zu einem bloßen Symbol für das gegenwärtige Gemeindezeitalter reduziert.
- Werden konkrete prophetische Details oft in allgemeine Ideen wie „Sieg des Guten über das Böse“ aufgelöst.
Der Text wird zu einer Hülle, und der „eigentliche Sinn“ soll unterhalb oder hinter den Worten liegen.
3.2 Warum allegorische Auslegung problematisch ist
Aus biblischer und logischer Sicht ist diese Methode tief fehlerhaft:
-
Keine objektiven Maßstäbe
Es gibt keine klaren Regeln, wie der „tiefere“ Sinn zu entdecken ist. Eine allegorische Deutung ist so „gültig“ wie die andere. Auslegung wird zur Projektionsfläche der Fantasie des Auslegers. -
Selbstwidersprüchlich
Wer behauptet: „Prophetien bedeuten nicht, was sie zu sagen scheinen; sie haben einen tieferen, geistlichen Sinn“, macht damit selbst eine wörtliche Aussage darüber, wie Prophetie gelesen werden soll. Allegoriker erwarten, dass andere ihre Theorie wörtlich nehmen, während sie dem biblischen Text die wörtliche Bedeutung absprechen. -
Widerspricht biblischen Mustern
Alttestamentliche Berichte – Adam, Noah, Abraham, Jona – werden von späteren biblischen Schreibern wörtlich behandelt (z. B. Römer 5,12–14; Matthäus 12,39–41). Die Schrift selbst allegorisiert historische oder prophetische Texte nicht, außer in den wenigen Fällen, in denen diese ausdrücklich als Allegorie bezeichnet werden (z. B. Galater 4,24). -
Inkonsistente Anwendung
Viele, die Prophetie spiritualisieren, legen andere Lehren (Sünde, Rechtfertigung, Auferstehung Christi) wörtlich aus. Der Wechsel zu einer allegorischen Methode nur bei der Prophetie erzeugt innere Widersprüche und offenbart theologische Vorentscheidungen, nicht solide Exegese.
4. Warum wörtliche Auslegung der richtige Weg ist, biblische Prophetie zu verstehen
4.1 Prophetien über das erste Kommen Christi wurden wörtlich erfüllt
Das stärkste biblische Argument für eine wörtliche Auslegung der Prophetie ist, wie Gott sie bereits erfüllt hat. Über 100 messianische Prophetien wurden beim ersten Kommen Christi wörtlich erfüllt:
- Same der Frau – 1. Mose 3,15
- Nachkomme Abrahams – 1. Mose 12,3
- Aus dem Stamm Juda – 1. Mose 49,10
- Sohn Davids – Jeremia 23,5–6
- Von einer Jungfrau geboren – Jesaja 7,14
- In Bethlehem geboren – Micha 5,1 [5,2]
- Von einem Vorläufer angekündigt – Jesaja 40,3
- Durchbohrt – Sacharja 12,10
- „Ausgerottet“ (getötet) um das Jahr 30 n. Chr. – Daniel 9,24–26
- Auferweckt von den Toten – Psalm 16,10; Apostelgeschichte 2,30–32
Wenn Gott Prophetien über das erste Kommen Christi auf direkte, wörtliche Weise erfüllt hat, dann erfordert Konsequenz, dass wir dasselbe Muster für Prophetien über das zweite Kommen erwarten – es sei denn, der Text selbst weist klar auf Symbolik hin.
Wer verstehen will, wie Gott Prophetie in der Zukunft erfüllen wird, soll darauf schauen, wie Er sie in der Vergangenheit erfüllt hat.
4.2 Jesu eigener Umgang mit Prophetie
In Lukas 4,16–21 liest Jesus Jesaja 61,1–2:
„Der Geist des Herrn ist auf mir … zu verkündigen das Jahr des Wohlgefallens des Herrn.“
— Lukas 4,18–19
Dann sagt Er:
„Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren.“
— Lukas 4,21
Er wendet den ersten Teil der Jesaja‑Prophetie wörtlich auf Sein erstes Kommen an – bricht jedoch mitten im Vers ab, bevor Er zu „dem Tag der Rache unseres Gottes“ kommt. Dieser Ausdruck wartet auf seine wörtliche Erfüllung bei Seiner Zweiten Wiederkunft.
Das zeigt:
- Jesus legte Prophetie präzise und wörtlich aus.
- Derselbe Vers kann zeitlich getrennte Erfüllungen (erstes und zweites Kommen) enthalten, ohne dass sich seine Bedeutung ändert.
- Die „Rache“ wird nicht spiritualisiert; sie ist lediglich noch nicht erfüllt.
4.3 Die Symbole der Offenbarung verweisen dennoch auf wörtliche Realitäten
Die Offenbarung ist reich an Symbolen, aber sie deutet ihre eigenen Symbole wiederholt wörtlich:
- Sieben Sterne = sieben Engel – Offenbarung 1,20
- Sieben Leuchter = sieben Gemeinden – Offenbarung 1,20
- Goldene Schalen voll Räucherwerk = die Gebete der Heiligen – Offenbarung 5,8
- Viele Wasser = „Völker und Scharen und Nationen und Sprachen“ – Offenbarung 17,15
Symbolik koexistiert mit wörtlicher Auslegung; sie ersetzt sie nicht.
4.4 Gründe, die wörtliche Auslegung der Prophetie vorzuziehen
Zusammenfassend einige Schlüsselpunkte:
- Sie ist die normale Weise, wie wir jede ernsthafte Mitteilung verstehen.
- Die Mehrheit der Bibel erschließt sich, wenn sie wörtlich gelesen wird.
- Alle bildlichen oder allegorischen Anwendungen setzen voraus, dass wir zunächst den wörtlichen Sinn kennen.
- Sie bietet die einzige sinnvolle und sichere Schranke gegen menschliche Fantasie.
- Sie passt am besten zur Lehre der verbale[n] Inspiration: Gott hauchte konkrete Worte ein, nicht bloß vage Ideen.
- Sie entspricht der Weise, wie späterer Schriftgebrauch frühere Schrift auslegt.
5. Wann Prophetie bildhafte oder allegorische Sprache verwendet
Eine wörtlich‑grammatikalisch‑historische Methode erkennt voll an, dass Prophetie häufig lebendige Bildsprache, Poesie und Symbole verwendet. Die entscheidende Frage lautet nicht „wörtlich oder bildlich?“, sondern:
Soll dieses Bild die wörtliche Realität ersetzen oder sie kraftvoller vermitteln?
5.1 Richtlinien zum Erkennen bildhafter Sprache
Wörtliche Auslegung versteht einen Text dann bildlich, wenn:
-
Die Bildhaftigkeit offensichtlich ist
- Jesus: „Ich bin die Tür“ (Johannes 10,9) oder „Ich bin der wahre Weinstock“ (Johannes 15,1).
Kein Leser denkt, Er sei Holz oder Pflanze; das Bild vermittelt reale geistliche Abhängigkeit.
- Jesus: „Ich bin die Tür“ (Johannes 10,9) oder „Ich bin der wahre Weinstock“ (Johannes 15,1).
-
Der Text selbst ihn als bildhaft kennzeichnet
- Paulus sagt ausdrücklich, dass er eine Allegorie verwendet (Galater 4,24).
- Jesus spricht: „Das Gleichnis aber ist dies“ und erklärt die Symbole (Lukas 8,11–15).
-
Ein strikt wörtliches Verständnis klaren, nichtbildhaften Texten widersprechen würde
- „Vier Ecken der Erde“ (Offenbarung 7,1) widerlegt nicht die Kugelgestalt der Erde, sondern ist eine Redewendung für die ganze Welt.
Die klassische Maxime fasst es zusammen:
Wenn der wörtliche Sinn guten Sinn ergibt, suche keinen anderen Sinn, damit nicht Unsinn daraus wird.
5.2 Gleichnisse und Allegorien vermitteln dennoch wörtliche Wahrheit
- Gleichnisse (z. B. das Gleichnis von den bösen Weingärtnern – Lukas 20,9–18) bedienen sich erfundener Geschichten, um wörtliche Wahrheiten über Israels Verwerfung Christi und Sein zukünftiges Gericht zu vermitteln.
- Die wenigen biblischen Allegorien (Galater 4,21–31) sind klar gekennzeichnet und dennoch in reale historische Personen (Sara und Hagar) eingebettet.
Wir dürfen nicht unterstellen, dass Prophetie „bloß geistlich“ sei, nur weil ein Abschnitt Bilder oder erzählerische Formen verwendet. Ohne zu wissen, was wörtlich wahr ist, könnten wir nicht wissen, was bildlich ausgedrückt wird.
5.3 Vergleich: Wörtlicher vs. allegorischer Ansatz
| Merkmal | Wörtlich‑grammatikalisch‑historische Methode | Allegorische / spiritualisierende Methode |
|---|---|---|
| Grundfrage | Was meinte der Autor im Kontext? | Welche tiefere geistliche Idee kann ich hier finden? |
| Umgang mit Sprache | Normale Regeln von Grammatik und Geschichte | Wörter werden oft zu Symbolen jenseits der Grammatik |
| Gebrauch von Symbolen | Symbole verweisen auf konkrete Realitäten | Symbole können ihre konkreten Bezugspunkte verlieren |
| Anzahl der Bedeutungen | Eine Grundbedeutung, viele Anwendungen | Oft mehrere, geschichtete „vollere“ Bedeutungen |
| Kontrolle / Objektivität | Hoch – orientiert am Text, Kontext, an Sprache | Gering – stark abhängig von den Vorstellungen des Auslegers |
| Erwartete Erfüllung der Prophetie | Wörtliche Erfüllung, sofern nicht klar bildhaft | Erwartung geistlicher/„tieferer“ Erfüllung |
6. Praktische Prinzipien für die Auslegung biblischer Prophetie heute
Um biblische Prophetie treu zu verstehen und sowohl naive Über‑Wörtlichkeit als auch subjektive Spiritualisierung zu vermeiden, sollten uns einige praktische Grundsätze leiten.
6.1 Mit dem schlichten Wortsinn beginnen
Lies prophetische Abschnitte so, wie du jede andere ernsthafte Prosa lesen würdest. Wenn Offenbarung 20,2–6 wiederholt von „tausend Jahren“ spricht, ist der schlichte Sinn eine klar umrissene Zeitspanne. Nichts in der Grammatik zwingt uns, dies zu einem vagen Symbol für „eine lange Zeit“ zu spiritualisieren.
Wenn der schlichte Sinn in den Kontext passt und anderen Schriftstellen nicht widerspricht, sollten wir ihn annehmen.
6.2 Prophetie mit Prophetie vergleichen
„Keine Weissagung der Schrift lässt eine eigene Auslegung zu.“
— 2. Petrus 1,20
Keine einzelne Prophetie sagt alles zu einem Thema. Um eine Stelle richtig auszulegen:
- Vergleiche Alttestamentliche und Neutestamentliche Prophetien über dasselbe Ereignis oder dieselbe Person (z. B. den Antichristen, den Tag des HERRN, das Millennium).
- Lass klarere Prophetien licht auf schwierigere werfen.
- Nutze nie eine Stelle, um den schlichten, wörtlichen Sinn einer anderen auszuhebeln (z. B. darf eine neutestamentliche Anwendung auf die Gemeinde die ursprünglichen Verheißungen an Israel nicht auslöschen).
6.3 Prophetische Zeitabstände erkennen
Alttestamentliche Propheten sahen die Zukunft oft wie eine Gebirgskette – weit voneinander entfernte Ereignisse erscheinen in einem Vers nebeneinander:
- Sacharja 9,9–10 verbindet das erste Kommen des Messias (reitend auf einem Esel) mit Seiner weltweiten Königsherrschaft bei Seiner Zweiten Wiederkunft.
- Jesaja 61,1–2 führt „das Jahr des Wohlgefallens des HERRN“ (erstes Kommen) und „den Tag der Rache unseres Gottes“ (Zweites Kommen) zusammen; eben jenen Abstand macht Jesus in Lukas 4,16–21 deutlich, indem Er mitten im Vers abbricht.
Das Erkennen solcher Intervalle schützt uns davor, jede Erfüllung in eine einzige Epoche zu pressen und unerfüllte Details zu allegorisieren.
6.4 Auslegung von Anwendung unterscheiden
- Auslegung fragt: Was bedeutete der Text für die ursprünglichen Hörer?
- Anwendung fragt: Wie gilt dieselbe Wahrheit heute für uns?
Zum Beispiel verheißt Jeremia 31,31–34 einen neuen Bund mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda. Die Gemeinde heute hat durch Christus Anteil an den geistlichen Segnungen dieses Bundes, aber diese Anwendung hebt die ursprüngliche Verheißung an das nationale Israel nicht auf und verwandelt sie nicht in ein bloßes Symbol.
7. Schlussfolgerung
Die Diskussion zwischen wörtlicher und allegorischer Auslegung biblischer Prophetie ist keine Nebensächlichkeit. Sie ist grundlegend. Ein wörtlich‑grammatikalisch‑historischer Ansatz:
- Nimmt ernst, dass Gott ein vollkommener Kommunikator ist, der verstanden werden will.
- Ehrt die Worte, die Gott inspiriert hat, nicht nur vage Ideen.
- Folgt dem biblischen Muster, wie frühere Prophetien bereits erfüllt wurden.
- Bietet einen objektiven, textbasierten Rahmen, der menschliche Fantasie zügelt.
Allegorische oder spiritualisierende Methoden dagegen lösen Prophetie von ihrem Textfundament und legen die Bedeutung in die Hand des Auslegers. Sobald Israel, das Reich, das Millennium oder das Gericht überwiegend zu „Symbolen“ werden, kann nahezu jedes theologische System in den Text hineingelesen werden.
Biblische Prophetie wörtlich zu deuten heißt nicht, Redefiguren, Symbole oder tiefe geistliche Wahrheiten zu leugnen. Es bedeutet zu bestehen darauf, dass jedes Symbol auf einen realen Bezugspunkt verweist, jedes Bild eine wirkliche Wahrheit vermittelt und jede Prophetie ebenso konkret und treu erfüllt werden wird wie jene über das erste Kommen Christi.
Für alle, die das „feste prophetische Wort“ besser verstehen wollen (2. Petrus 1,19), ist die wörtlich‑grammatikalisch‑historische Methode nicht nur eine Möglichkeit unter vielen – sie ist der richtige Weg, biblische Prophetie auszulegen.
FAQ
F: Was bedeutet „wörtliche Auslegung biblischer Prophetie“ genau?
Wörtliche Auslegung bedeutet, prophetische Texte in ihrem normalen, grammatischen und historischen Sinn zu lesen, so wie jede andere ernsthafte Schrift. Sie lässt Redefiguren und Symbole zu, besteht jedoch darauf, dass diese immer auf reale, konkrete Wahrheiten verweisen und nicht auf frei schwebende geistliche Ideen.
F: Ignoriert ein wörtlicher Ansatz nicht die Symbolik und Bildsprache?
Nein. Ein wörtlicher Ansatz erkennt Symbolik, poetische Sprache und Bildrede in der Prophetie voll an, besonders in Büchern wie Daniel und Offenbarung. Entscheidend ist, dass jedes Symbol als Hinweis auf etwas wirklich Reales verstanden wird und dass seine Bedeutung aus dem Text und seinem biblischen Kontext abgeleitet wird – nicht aus der Fantasie des Auslegers.
F: Warum gilt allegorische Auslegung der Prophetie als gefährlich?
Allegorische Auslegung ist problematisch, weil sie häufig ohne objektive Maßstäbe arbeitet und den Text in nahezu alles verwandeln kann, was der Ausleger darin sehen möchte. Das untergräbt die Autorität der Schrift, schwächt das Vertrauen in Gottes konkrete Verheißungen (besonders gegenüber Israel) und weicht von der Weise ab, wie die Bibel selbst frühere Prophetien deutet.
F: Wie kann ich erkennen, wann eine Prophetie bildlich zu verstehen ist?
Stelle drei Fragen: (1) Ist die Sprache offensichtlich bildhaft (z. B. „Ich bin die Tür“)? (2) Kennzeichnet der Text oder eine Parallelstelle sie ausdrücklich als Gleichnis, Allegorie oder Symbol? (3) Würde ein strikt wörtliches Verständnis klaren, nichtbildhaften Lehren der Schrift widersprechen? Wenn nicht, sollte die Prophetie im Normalfall in ihrem schlichten Wortsinn verstanden werden.
F: Warum ist es so wichtig, ob wir Prophetie wörtlich oder allegorisch auslegen?
Weil unsere Hermeneutik unsere Schlussfolgerungen bestimmt. Eine wörtliche Methode führt dazu, zukünftige, konkrete Erfüllungen von Gottes Verheißungen zu erwarten – einschließlich der Entrückung, der Zweiten Wiederkunft Christi und Seines Reiches im Millennium. Eine allegorische Methode löst diese Erwartungen oft in allgemeine geistliche Wahrheiten auf und formt damit die Lehren über Israel, die Gemeinde, das Gericht und das Reich um – und letztlich auch unsere Hoffnung.
Häufig gestellte Fragen
F: Was bedeutet „wörtliche Auslegung biblischer Prophetie“ genau?
F: Ignoriert ein wörtlicher Ansatz nicht die Symbolik und Bildsprache?
F: Warum gilt allegorische Auslegung der Prophetie als gefährlich?
F: Wie kann ich erkennen, wann eine Prophetie bildlich zu verstehen ist?
F: Warum ist es so wichtig, ob wir Prophetie wörtlich oder allegorisch auslegen?
L. A. C.
Theologe spezialisiert auf Eschatologie, engagiert darin, Gläubigen zu helfen, Gottes prophetisches Wort zu verstehen.
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